Von wegen Ende der Utopien

1983 - nach einer Lesung aus seinen Memoiren - fragte der damals rund 91 jährige Augustin Souchy, er wäre fast erblindet und bräuchte jemanden, der ihm seine Post vorlesen könne und seine Antwortschreiben in die Schreibmaschine tippen. Ich meldete mich - und besuchte ihn in den folgenden Jahren zwei bis dreimal im Monat, las ihm die Korrespondenz vor, die er mit zahllosen Staatoberhäuptern, Generalsekretären, Parteivorsitzenden der ganzen Welt führte - und saß mit ihm in seiner winzige Wohnung in der Münchner Schwere-Reiter-Straße, trank Nescafe und hörte seinen Erzählungen zu. So die Begebenheit, dass er 1919 nach Petersburg eingeladen war, von Lenin persönlich abgeholt worden sei - im Rolls Royce des Zaren - und auf der kurzen Fahrt von Hotel zum Versammlungsort der zweiten Internationalen von ihm überzeugt werden sollte, dem politischen Anarchismus abzuschwören, den Lenin für eine kleinbürgerliche Kinderkranheit hielt, und sich ihm, Lenin, und seinem Sozialismus anzuschließen. Er erzählte, wie er Bakunin in Weißrußland, wie er Krapotkin in der Ukraine besucht hätte, er erzählte von Rosa Luxenburg, Karl Liebknecht, Erich Mühsam, Gustav Landauer, als hätte er sie gerade eben im nahe gelegenen Cafe Extrablatt in der Nymphenburger Straße getroffen. Er erzählte von seiner Zeit als Pressesprecher der spanischen Republik, die zwei Feinde gehabt hätte: Einen äußeren - das waren die Faschisten Francos - und einen inneren - das waren die Kader der kommunistischen Partei, ein verlängerter Arm Moskaus, die es eigentlich nur auf das spanische Gold abgesehen hätten. Er erzählte von der Gründung von Landkooperativen in Mexiko und den Kibuzzim in Israel, und von seiner Tätigkeit als Berater der UNO in New York. Und er erzählte, dass er nur von einer sehr bescheidenen Rente als Verfolgter des Naziregimes leben würde, andere Einkünfte hatte er nicht.
Augustin Souchy prägte mein eigenes Denken grundlegend, auch wenn ich mich im Verlauf meines Lebens weniger der Politik, sondern viel mehr der Kunst, der Musik vor allem zuwandte. Wie kann man eine Musik komponieren, in welcher ein Ganzes sei, und gleichzeitig jedem einzelnen Ton, jedem einzelnen Teil keine Gewalt angetan wird, sich jedes Element frei entfaltet und doch im Miteinander aller Einzelteile so etwas wie Harmonie herrscht. Augustin Souchy, der am 1. Januar 1984 verstarb, wollte diesen Traum in der sozialen Wirklichkeit realisieren.
Diese Radiosendung, die fast 10 Jahre später entstand, erinnert an meinen Lehrer und Vorbild, obwohl er selbst gar nicht zu Wort kommt, denn das einzige Interview, das ich mit ihm auf einem äußerst einfachen Kassettenrekorder aufgenommen hatte, war lange Zeit nicht mehr auffindbar - und ist erst 30 Jahre später in einer Kiste im Keller aufgetaucht. Dafür singt uns ein Freund von ihm, Arthur Schinnagl Lieder vor, die er im Jahr 1920 in bayerischer Festungshaft gesungen hatte. Als Teilnehmer und Unterstützer der Münchner Räterepublik verbüßte er die eineinhalbjährige Mindesthaftstrafe - und erinnerte sich an die Lieder, die er mit seinen Mithäftlingen anstimmte, als wäre es gestern gewesen. Auch diese Aufnahme wurde mit einem sehr eigenwilligen Mikrophon gemacht, das mangels funktionierender Abschirmung einstreuende Radiosender einfing.

Interview Augustin Souchy 1983
Augustin Souchy Münchner Stadtzeigung 1993
Interview Arthur Schinnagl 1993

Cast & Crew

Regie
Uli Aumüller
Zeitzeuge
Augustin Souchy, Arthur Schinnagl
Erzähler
Jürgen Jung
Redakteur/in
Wolf Loeckle