„Zwei Gefühle“ - von Helmut Lachenmann 59:00 min

Zwei Wochen lang hat der Komponist seine Musik mit dem Kammerensemble Neue Musik Berlin einstudiert, seine Ideen und Hintergedanken dabei erläutert. Diese Dokumentation hat ihn während der gesamten Probenphase bis hin zur Aufführung begleitet.

Ein Film von Uli Aumüller

Manuskript
Kritik01
Kritik02
Kritik03
Kritik04

Kammerensemble Neue Musik Berlin
Ltg. Peter Rundel

Dokumentation für das Bayerische Fernsehen 1998
Kamera: Christopher Rowe, bvk, Günther Uttendorfer, Frank Zeller, Kathleen Herbst / Ton: Georg Morawietz, Gerd Rische, Henry Dürheim
BetaSP – 4/3 - 60 min. - stereo

Zwei Gefühle überkommen Leonardo da Vinci bei dem Blick in die Höhle eines Vulkan, der kurz zuvor ausgebrochen war: Furcht und Verlangen. Die Furcht vor dem Tod, das Verlangen nach Erkenntnis - und zugleich die Furcht vor der Erkenntnis, was er dort unten, jenseits der Grenze zwischen Leben und Tod, entdecken könnte.

Es ist eine Variation des platonischen Höhlengleichnisses, und zugleich ein erotisches Motiv, das Leonardo da Vinci in dem kurzem Textfragment beschreibt und das Helmut Lachenmann zu seiner Komposition „...zwei Gefühle... - Musik mit Leonardo für Sprecher und Instrumentalensemble“ inspiriert hat, einem feurigen, mediterranen Zwischenspiel seiner Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Obwohl der Text einen Vulkanausbruch beschreibt, liegt Lachenmann nichts ferner, als diesen Inhalt musikalisch zu bebildern, sondern vielmehr sind es die Klänge, deren Natur zum Ausbruch kommt, ihre nackte Präzision, auf der bewusst auskalkulierten Vorderseite, und auf ihrer Rückseite - spekulativ sozusagen und unbewusst - noch eine andere Natur, die wahre Natur, Ausdruck einer Sehnsucht nach Transzendenz - über die Lachenmann sich nicht weiter äußern möchte. „Ich erkläre alles, was ich erklären kann, bis ich an die Grenze komme, wo das Wort nicht mehr ausreicht“, sagt er.

Und genau diese Präzision und der Entwicklungsprozess, wie aus einer Fülle ungewöhnlicher und eigenartiger Geräusche und Klangfigurationen langsam Musik entsteht, sind das Thema des Films von Uli Aumüller. Von der ersten Vorprobe bis zur öffentlichen Aufführung in der Berliner Akademie der Künste hat er die Musiker des Kammerensembles Neue Musik Berlin beobachtet, wie sie jede instrumentaltechnische Nuance einstudieren, bis sie eine handwerkliche Virtuosität erreichen, bei der Helmut Lachenmann ins Schwärmen gerät.

Neben der Reflektion über die Musik, der Suche nach Erkenntnis, steht die sinnliche Erfahrung der Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten Peter Rundel, dem Komponisten und den Musikern, die mit großen Engagement und offensichtlicher Spielfreude die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten überschreiten, als wäre es nur ein Spaziergang in einem Park, bei dem man ab und zu nur links und rechts genauer hinschaut.

„Ich hab mal einen Spaziergang mit Nono gemacht“ sagt Helmut Lachenmann, „da haben wir über das Verstehen von sich selber gesprochen, und da ist er irgendwo an einem Baum stehen geblieben, mit einer ziemlich rissigen Rinde, und hat gesagt, schau dir diese Struktur an, wenn du das wirklich gesehen hast, dann hast du dich selbst verstanden. Also Wahrnehmung von Dingen, die wir im allgemeinen täglich um uns haben, aber nicht beachten, als eine Art Sebstwahrnehmung oder Selbsterfahrung. Das halte ich für das Thema von Musik, wenigstens heute. Seit Musik über sich selbst nachdenkt, muss sie sich als eine Art Wahrnehmungskunst verstehen.“

Bei allem Ernst und Einsatz für die Sache ist bei den Dreharbeiten für diesen Film sehr viel gelacht worden. Und vielleicht ist es dieses Lachen, das momentweise immer wieder durchscheinende Glücksempfinden, das die Musik von Helmut Lachenmann, ihre innere Notwendigkeit und Konsequenz, ihre Gedankenfülle und ihren klanglichen Reichtum mehr erklärt und sinnfällig macht, als stundenlange Interviews und theoretische Ausflüge.

Der Film eröffnet nicht nur einen neuen Blick auf die Arbeitsweise von Helmut Lachenmann und seine Abgründe - sondern darüber hinaus auch auf eine Natur, die hier zur Musik kommt, die Natur des spielerischen Menschen, erfüllt von der Sehnsucht nach Erkenntnis.

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