Aribert Reimann - Über das Komponieren 12 min

Trailer

Am 8. Oktober 2017 wird an der Deutschen Oper Berlin eine neue Oper von Aribert Reimann uraufgeführt.

Aribert Reimann: Am Anfang muss ich eine Grundidee haben, eine Grundvorstellung. Ich höre etwas. Höre ich nichts, brauche ich gar nicht anzufangen. Und wenn ich einen Stoff lese, oder mich damit beschäftigt habe, und wieder und wieder mich damit beschäftigt habe, und es stellt sich weiter nichts ein – dann kann ich den Stoff vergessen. Aber wenn sich immer mehr einstellt, dann fang ich an mir Notizen zu machen. Weniger musikalische Notizen, das auch, aber das sind dann rein kompositorische Abläufe, Konstruktionspläne, wenn man so will, Vertikale, Horizontale, und solche Dinge, aber wie die Musik aussieht, oder was passiert, wie die Kurven sind, das mach ich meistens an Hand des Librettos, und dort mache ich das verbal, mit Worten. Also ohne Noten, ich beschreibe das nur und mache gelegentlich auch Andeutungen, und das geht dann auch durch das ganze Stück durch, mit diesen Notizen. Und davon ausgehend weiß ich genau, da muss das einsetzen, da muss das einsetzen, hier ist das Instrument, das Instrument, weil ich immer aus dem Orchester heraus denke, immer! Ich hab noch nie am Klavier komponiert, weil der Klavierklang mich furchtbar stören würde in meiner Klangvorstellung des Orchesters.

1 Im On
Also erstens Mal muss ich mich entscheiden für den Stoff, der kommt dann auf mich zu oder nicht, und wenn er auf mich zugekommen ist, dann gehe ich länger damit um, einige Jahre, manchmal sogar länger, und dann weiß ich, irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, da kann ich nicht mehr darüber nachdenken, und dann geht es an die Arbeit des Librettos.

5 Schwenk Librettto Text mit Anmerkungen auf mehrstimmige Notenskizzen
Ich versuche immer, auch wenn ich es mir selbst gemacht habe, das Buch, den Text, so knapp zu halten, dass mir die Musik nicht verbaut wird, dass es für mich nur Stichworte sind für die Musik. Und wenn ich das Libretto fertig habe, daran arbeite, es durchgearbeitet habe, es gemacht habe, dann weiß ich ja jedes Wort, mehr oder weniger, und dann vergesse ich den Text wieder und die Musik entsteht. Und dann komme ich manchmal beim Schreiben an gewisse Stellen, wo ich das Gefühl habe, es ist alles noch viel zu viel Text, weg! Bei Medea bin ich mit 30 Seiten reingegangen, Din A 4, im Libretto, und bin mit 20 wieder rausgekommen. So dass also nur das Allerwenigste am Text übrig bleibt, was für die Handlung, und natürlich auch für die Gestaltung der Rolle, wichtig ist. Eine Rolle aus Vokalisen ist ja stinklangweilig. Für mich ist wichtig, dass eben die Worte so sind, dass ich auch die einzelnen Personen auf diesen Worten hin mit ihrer Singstruktur entwickeln kann. Das ist das Allerwichtigste. Und die Stimme geht ja nahtlos mit dem Orchester zusammen, sie entwickelt sich aus dem Orchester, sie geht wieder ins Orchester hinein, so dass die Singstruktur und das Orchester eine Einheit sind. Wie das Orchester eingesetzt wird, wie die Instrumentation ist, wann ich Holzbläser einsetze, wann ich Streicher einsetze und so weiter: Das ist eine Einheit. Aber der Text muss so karg sein, dass er die Handlung weiterbringt, aber mir den Raum, unentwegt den Raum für die Musik lässt.

6 On
Das Wichtigste war für mich, das ist überhaupt das Allerwichtigste, die Frage, warum komponiere ich einen Stoff? Nicht irgendeinen, er muss etwas mit unserer Zeit zu tun haben, er steht für etwas. Der Lear spielt sich heute genauso ab wie damals, Medea genau das gleiche, alles was in Medea passiert, erleben wir heute um uns herum. Es geht um eine Migrantin, … sie kommt und sie wird nicht akzeptiert.

7 Metronom, Stoppuhr, Korrekturbänder …
Das Wichtigste ist für mich in jedem Fall, dass es ein Stoff ist, der uns alle angeht, der mich etwas angeht, der alle, nicht nur mich, der uns alle angeht. Und daher auch immer der Rückgriff, der aber rein zufällig war, auf Stoffe, die eben länger zurückliegen. Kafka ist mehr oder weniger der Allernächste. Aber was Kafka im Schloss beschreibt, das hat uns ja nun längst eingeholt. Die Beobachtung, die ständige Beobachtung: kein Mensch ist mehr frei, jeder weiß alles vom andern - vorher, bevor derjenige es weiß! Und das war etwas, was mich dann überhaupt nicht mehr losgelassen hat. Ich will keine Realität fotografieren, sondern eine Realität umsetzen, in einen Stoff, den es schon gab, und der uns immer wieder etwas angeht, der zeitlos ist. Das ist das Allerwichtigste.

8 Konstellation Löwe, Schaf, Radiergummi – zwei Schwenks ineinander geblendet
Es ist nicht nur die Geschichte, sondern es muss eine Spannung entstehen. Wenn zwei Personen, oder drei, auf der Bühne sind, dann entsteht eine Spannung zwischen diesen Personen und diese Spannung muss ich hörbar machen in der Musik. Deshalb ist für mich eine Oper ohne Wort, ohne eine Handlung, oder ein Wort, das sich aus der Handlung ergibt, für mich nicht denkbar, weil eine Person auf der Bühne… wenn ich schon für Oper schreibe, die Sänger haben Stimmen und sie wollen singen, und ich muss das umsetzen, was sie sagen, also die Worte ins Singen bringen, sonst ist es für mich undenkbar, und dann hat das mit Musiktheater für mich eigentlich nichts mehr zu tun. Denn solange der Mensch lebt, wird er auch singen, und gerade das Singen zwischen zwei Menschen erzeugt eine wahnsinnige Spannung. Und vor allem eben, was in denjenigem, der jetzt zuhört, was in dem alles vorgeht. Wenn einer was sagt, dann nimmt ein anderer das auf, oder er hört es, und was sich bei ihm während des Hörens einstellt, da entstehen wahnsinnige Gebäude an Musik, und das muss ich eben auch zum Klingen bringen.

11 On …
Das Singen ist eine Naturäußerung. Der Mensch ist singend geboren worden, immer. Das geht in die Jahrtausende zurück und das ist einfach eine Äußerung, wo das Wort nicht mehr ausreicht, fängt der Mensch an zu singen. Es kann dann auch ohne Worte sein. Ich hab einige Vokalisen geschrieben, ohne Worte, ganz ohne Worte, weil mich das auch mal interessiert hatte. Und dann hab ich doch festgestellt, da entsteht etwas, was jetzt Worte nicht unbedingt notwendig macht und trotzdem kann man auch damit eben sehr viel machen, nur es erschöpft sich irgendwann auch, das ist ganz klar, weil ein Wort, auch wenn ich nur ein Lied komponiere, hinter dem Wort steht ja auch etwas. Aber es gibt ja auch viele, oder einige Stücke von mir für Stimme ohne Orchester, ohne Klavier, nur für Stimme allein. Und das fand ich dann ja doch immer sehr sehr aufregend. Was mir jetzt auch bei der neuen Arbeit sehr zu Gute kommt, aber mehr sag ich darüber nicht.

13 On mit Schwenk auf die Spitzermaschine
Meine Mutter war Sängerin, sie war Gesangslehrerin, ich bin mit Stimmübungen aufgewachsen, und mit Singen aufgewachsen. Das war das erste, was ich um mich herum hörte. Und ich selbst hab ja sehr viel gesungen als Junge, das kam ganz automatisch, und da ich eine Stimme hatte, offenbar, die eben auch erträglich war, oder gut war – deswegen hab ich ja damals auch mit 10 Jahren den Jasager im Hebbel-Theater gesungen, zum ersten Mal auf der Bühne gestanden – das war für mich einfach, ja, wie Essen und Trinken, was ich an Musik gehört habe, wie Bach und Schubert, das war meine… Ich hätte mich dem auch entziehen können, wenn ich das nicht gewollt hätte, aber ich wollte nichts Anderes.

18 Particell und Reinschrift
Also Partitur schreib ich natürlich nachher, wenn ich es ausschreibe, dann schreibe ich ja auf Transparentpapier und dann schreib ich mit Tinte. Das ist eine spezielle… ein Isograph, mit dem ich das schreibe, und so schicke ich dann die Transparente an den Verlag. Das ist die Abschrift. Das ist jetzt erstmal nur das Particell. Und die Abschrift sieht dann ganz anders aus.

Musikbeispiele:

01
König Lear
Oper in 2 Teilen
Claus H. Henneberg, Libretto
Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton
RSO Berlin
Ricordo Chailly, Musikalische Leitung

02
Das Schloss
Oper in zwei Teilen
Libretto: Aribert Reimann
Richard Salter, K.
Ewa Zwedberg, Frieda
Bayerisches Staatsorchester
Michael Boder, Musikalische Leitung

03
Nach-Räume
Für Klavier zu vier Händen und Singstimme
„Sieh hinauf. Heut ist der Nachraum heiter“
Rainer Maria Rilke
Aribert Reimann, Axel Bauni, Klavier
Christine Schäfer, Sopran

04
Traum Spiralen
für großes Orchester
NDR Sinfonieorchester
Christoph Eschenbach, Musikalische Leitung

Film von
Uli Aumüller und Sebastian Rausch


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